Der Mülleimer Mann

Stolz stand er vor seiner Tonne, während er sich ein Milky Way aus der Verpackung schälte. Sie war keine gewöhnliche Tonne, sondern eine Mülltonne. Nicht wirklich groß, aber es gab auch kleinere Tonnen da draußen. Und es war SEINE Mülltonne, und genau deshalb konnte er ihr einiges abgewinnen, denn immerhin sorgte sie dafür, dass er seinen Müll  nicht überall liegen lassen musste. Er entledigte sich der leeren Plastikhülle und griff nach dem nächsten Schokoriegel.

Sein Cousin Klaus war da ganz anders. Der war ein Messie, lies alles irgendwo stehen und liegen nach dem Motto: „Lass nur, tritt sich fest“. Ein ruchloser Geselle in seinen Augen. Er schüttelte angewidert den Kopf und fühlte einen inneren Ekel, wenn er an ihn und seine Wohnung dachte. Vielleicht hatte er deshalb nie eine Freundin. Dieser Klaus war unrein, sowohl in Bezug auf seinen Hausrat als auch seiner Körperhygiene. Der Mülleimer Mann konnte das nicht verstehen.

Sein Cousin verdiente nicht schlecht, und dennoch hauste er wie ein Schwein im Porzellanladen. Und es war ein sehr dreckiger Porzellanladen. Er nutzte sein Einkommen, um mit teuren Duft-Sprühern, Klaus nannte sie immer wichtigtuerisch O D Tolette oder dergleichen, seinen Körpergeruch zu verdecken. Wobei ihm das nur sehr bedingt gelang, wie er fand. Er vermied es ihm zu Nahe zu kommen, wann immer er konnte. Wenn man es tat, bitzelte es erst im Rachenraum, wanderte nach oben und griff dann auf die Nasenhöhlen über, wo die feinen Härchen darin schon einmal Feuer fangen konnten, wenn man Pech hatte.

Er hing seinen Gedanken nach, während er sich ein weiteres Milky Way zu Gemüte führte und kopfschüttelnd über seinen verkommenen Cousin nachdachte, als plötzlich mit einem Schlag die Eingangstür des Apartments aus Ihren Angeln flog. Klaus stand im Türbogen. Er hatte ein grimmiges, entschlossenes Gesicht. Er blickte wutentbrannt auf den Mülleimer Mann, der sich schützend vor seine Tonne stellte und die Arme hob. Er war erschrocken und wie erstarrt. Konnte nicht klar denken. Klaus hob den rechten Arm, in dem er einen 6-Schüssiger Revolver hielt. „Was zum Himm..“, dachte der Mülleimer Mann. Doch er konnte seine Verwunderung gedanklich nicht mehr zu Ende bringen, denn eine Kugel drang in sein Kopf ein, platze auf der Hinterseite hinaus und verspritze Blut und Teile seiner Schädelplatte und seines Gehirns auf die dahinter liegende Wand. Der Mülleimer Mann sackte zusammen und fiel nach hinten auf seine Tonne, kippte zur Seite weg und klatschte mit dem Gesicht auf den gefliesten Boden. Die Tonne fiel um und der Deckel flog davon,  doch bis auf die drei Milky Way Verpackung war nichts darin. Und bis auf die Körperflüssigkeiten blieb alles sauber und rein. Er hatte die Tonne  zuvor entleert gehabt und mit Scheuermittel gereinigt. Sie glänzte wie neu.

Klaus schoss noch 5 weitere Male auf den leblosen Körper, der jedes Mal leicht zuckte, wenn das Geschoss eindrang, bis es Klick machte. Er entleerte die Patronentrommel und führte noch eine weitere Patrone nach. Bum. Er schoss ihm noch einmal seitlich in den Kopf um ganz sicher zu gehen. Er hob den Deckel auf und setzte diesen wieder auf die Tonne. Dann fischte er die drei leeren Packungen heraus, warf sie auf den Mülleimer Mann und klemmte sich die Tonne mit einem zufriedenen Grinsen unter die Arme. Er hatte was er wollte. Er wollte schon immer diese Tonne haben, und nun war sie ihm.

Zufrieden verließ er das Apartment. Die Tonne hatte eine neuen Besitzer.

Als die Tür zuknallte, wachte der Mülleimer Mann auf. Schweißgebadet schreckte er hoch, orientierte sich kurz und wusste wieder wo er war. In seinem Zuhause. In seinem Bett. Er blickte Richtung Eingangstür. Alles in Ordnung. Sie war noch heil und er offensichtlich alleine.

Er sprang aus dem Bett. Huschte um die Ecke in die Küche und…oh mein Gott. Da war Sie! Sie war noch da wo er sie gestern Abend zuletzt benutzt hatte. Seine Mülltonne. Erleichtert tippte er kurz auf dem Deckel, als er sich Richtung Kaffeemaschine wandte. Er lächelte erleichtert. Nach diesem Albtraum brauchte er erstmal etwas Starkes zum Wach werden.

Dann klingelte das Telefon. Wer mochte so früh am morgen anrufen?
„Hallo?“, brachte der Mülleimer Mann unsicher heraus, als er den Hörer abnahm.

„Hey Grüss Dich! Hier ist Klaus! Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört, Mensch! Wie gehts Dir? Was hältst Du davon wenn ich heute Abend vorbei komme auf ein Bier? Du wirst mir nicht glauben was ich geträumt habe!“