Das rote Fenster [FSK 18]

„Durch mich habt ihr Pisser einen Orgasmus nach dem anderen gehabt, aber ihr seid letztlich ebenso nur große Haufen Scheiße wie ich einer bin, nur dass ich es weiß und ihr es erst einsehen werdet wenn es zu spät ist!“, dachte sich die Nutte.

Sie war keine gewöhnliche Nutte, denn sie hatte Alzheimer. Zwar hatte sie einen miesen Job, vielleicht einen der miesesten Jobs den man in einem Stundenhotel auf 10 Euro Basis All-Inclusive haben konnte, doch ihr Vorteil war, dass sie alles wieder recht schnell vergaß. Sie war von einer sehr ausgeprägten Form betroffen, die eher der Erinnerungsfähigkeit eines Goldfisches gleich kam als der einer Großmutter, die sich zumindest noch erinnern konnte, ob Sie ihre Zähne in ihr eigenes oder in Opa’s Glas gepackt hatte bevor sie ins Bett ging. Wie gesagt, sie hatte Alzheimer und immer kurz nachdem jemand  ihr mit ordentlich  Schmackes ins Gesicht gespritzt hatte, vergaß sie wieder alles recht schnell und wunderte sich nicht nur metaphorisch, sondern meist sehr praktisch über die Herkunft dieser glibberigen, milchig-klebrigen Masse , die von ihrer Wange und ihrem linken Augenlid tropfte. Jene, die so seltsam schmeckte. Hmm, dachte sie sich, es hat irgendwas Reizvolles. Schmeckt wie Salzstangen. Salzstangencreme. Wann die wohl im Supermarkt eingeführt würde? REBE Feine Welt im Delikatessenregal? Sie grinste bei dem Gedanken. Aber kurze Zeit später hatte sie ihn auch bereits wieder vergessen. Sie wischte sich ein Bisschen von ihrem Mundwinkel ab und begutachtet es zwischen ihren Fingern. Rieb es ein wenig hin un her. Es zog sich wie Kaugummi-faden zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger. Und es roch merkwürdig.

Naja, sie würde wohl noch heraus finden was es war, aber da klopfte es schon wieder an der Tür. „Herein“, rief sie der vergammelten alten Holztür entgegen. Diese glitt mit einem knarzen auf, als stöhnte sie über ihre Last, die sie zu tragen hatte in ihren morschen Angeln. Würden jene hin und wieder von dem Gleitgel benetzt, das in Massen im Hintern dieser Frau verschwand, tagein, tagaus, hätte dir Türe wesentlich mehr Spaß an Ihrem Job. So allerdings musste sie jeden Tag  seid vielen Jahren all  diese Dinge  beobachten und ertragen und konnte nicht einfach wegschauen. Sicher gab es Türen in besseren Häusern, die ein schöneres Schicksal hatten.

Eine fette Silhouette schälte sich aus aus dem Dämmerlicht des Ganges heraus in das nicht minder heller beleuchtete Zimmer. In der einen Ecke gab es ein Fenster, das von roten Vorhängen gänzlich verdeckt war. Man wollte nicht darüber spekulieren, ob diese schon jemals  bessere Zeiten gesehen hätten. Ganz zu schweigen von Ihrem Geruch, der mehr den Lappen ähnelte, die die Hausdame zwischen ihren Schenkeln versteckte und nur gegen Bares bereitwillig freigab.

Ebenso konnte man nicht mit Gewissheit  sagen, ob der Vorhang die schlechte Welt dort draußen vor den Individuen drinnen, oder die verruchte, von Gelüsten und niederen Instinkten getriebene Welt im Zimmer vor der Welt draußen verbergen sollte. Ein Schwarm Motten vergingen und vergewaltigten den Vorhang nach Lust und Laune. Ihnen war es egal. Der Rote Vorhang war eigentlich mehr Loch als schmückendes Textil. Aber so fühlte sich die Nutte auch manchmal. Mehr Loch als…ja, als was eigentlich? Mehr Loch als Mensch. Mehr Werkzeug als Seele. Mehr eine Befriedigungs-Maschine als fühlendes Wesen.

Im Fenster blinkten rote LED Streifen, die auf die Nutte und ihre Dienste aufmerksam machen sollten. LED’s die versprachen, neue Freier anzulocken, die zu ihr strömten und alle möglichen Dinge mit ihr anstellten gegen Geld. Dinge, von denen sie nicht unbedingt behaupten konnte das sie sie mochte, aber sie halfen ihr, sich abends einen Drink leisten zu können. Und immer wenn sie dachte, sie hätte bereits alle Praktiken gesehen und ausprobiert, überraschte sie ein Kunde mit etwas Neuem, noch Abstoßenderem. Vieles jedoch hatte sie auch wieder vergessen. So war das eben. Manche kamen und wollten sie von hinten nehmen, während sie sie an ihrem nach hinten gebundenen Zopf festhielten und sie daran rissen und tief und fest in sie stießen. Sie knallten wie Hammerschläge in sie hinein, als ob sie darin etwas zermalmen wollten. Ihren Verstand vielleicht? Falls dem so sei, hatten es bereits jemand geschafft, vor langer Zeit…

Aber manche  wollten einfach die klassische Nummer. Das war ihr fast am verhasstesten. Es waren jene ewig Alleinstehenden, Nerds, Ausgestoßene, Hässliche oder sonstwie entarteten Menschen, die sich vorstellten, sie hätten tatsächliche eine Freundin mit der sie aus Liebe schliefen, während sie mit ihr zugange waren. Sex der Zärtlichkeit wegen, aus Verbundenheit. Sie stellten sich in dem Moment vor sie führten ein geregeltes Leben in einer Vorstadt Siedlung mit einem kleinen Häuschen und einem nett zurecht gemachten Vorgarten. Es waren auch jene Kunden, die immer versuchten sie zu küssen, sie liebevoll an den Brüsten zu berühren und in ihr Ohrläppchen bissen.

Sie wies die Leute im Vornhinein darauf hin, dass sie dies nicht wollte. Aber am Ende lies sie es meist dennoch über sich ergehen und spielte mit. Es brachte Geld. Immerhin. Und diese Kunden waren treue Wiederkehrer. Stammkunden durfte man nicht vergrätzen. Und wenn das hieße, das sie sich die Zunge in den Hals stecken lassen musste, während sie auf dem Rücken lag und so tat sie beide hätten Sex aus Liebe und Zuneigung  und er sie ganz klassisch von oben penetrierte. Sie schloss meist die Augen oder drehte den Kopf zur Seite, während sie darauf wartete dass es vorbei war.

Diese Typen stellten sich natürlich in ihren Träumen vor, dass die Schenkel zwischen die sie ihr dreckiges kleines Glied gesteckt hatten zu irgendeiner Angebeteten ihrer Vergangenheit gehörte, die sie niemals getraut hatten an zu sprechen. Sie vögelten ihre Traumfrau, aber diese war genauso eine Fatamorgana wie die Erinnerungen der Nutte, die sie in Wahrheit vögelten. Sie gaben ihre Einsamkeit in jenem Moment einer Illusion hin, ein Moment kurzer Liebe. Und kurz war es fürwahr meist. Wenn jemand länger als 40 Sekunden durchhielt, dann konnte sie schon fast Überstunden in Rechnung stellen.

Sie blickte zu dem Mann, der bereits in die Mitte des Zimmers gestiefelt war und sein Hemd zur Hälfte aufgeknöpft hatte. Die Stiefel hatte er achtlos abgestreift und in eine Ecke geworfen. Sein voll mit krausen, schwarzen Haaren bedeckter fetter Bierbauch hing bereits über seinem Gürtel herab, an dem er wild rum fummelte um die Schnalle aufzukriegen. Seine Haare waren fettig und rochen nach Friteuse und etwas, das man nicht zu beschreiben im Stande war. Ganz im Gegensatz zu den Ausdünstungen, die aus seinem Mund kamen. Die kannte sie nur zu genau. Eine Mixtur aus Pina-Collada, Erbrochenem und frischem Rauch. Sein starrer Blick war nicht auf  sie gerichtet, sondern eher auf das was sie war. Ein Stück an dem man sich gütlich tun konnte. An dem man seinen Hass befriedigen, seine Gelüste ausleben und seine Triebe befriedigen konnte. Ein Stück Fleisch gewordener Haufen Scheiße.

Sie stand auf,  setzte ihren verführerischen Blick auf, den sie einstudiert hatte, umgriff seine Hüften und fragte: „Was darf’s sein mein Lieber?“