Zwei Männer – Zwei Motorräder – Ein Roadtrip – Kapitel 4 – "81"

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Kapitel 4 – „81“

Freudenstadt war ein schöner erster Stopp. Aber wir sind Biker. Biker gehören auf die Strasse verdammt noch eins. Und es juckte wieder zwischen unseren Beinen. Nein. Nicht was Sie denken. Es war wieder Zeit die vibrierenden Eisen zwischen unseren Schenkeln zu spüren und Kilometer zu fressen. Wir machten uns also endlich wieder auf den Weg…

Als nächstes Ziel stand Titisee auf dem Plan. Ein wunderschöner Kurort und eine der schönsten Ecken im Schwarzwald. Absolut ruhig, gute Luft, Menschen  in Urlaubsstimmung und ältere Herrschaften die sich erholen wollten. Der richtige Ort also, um meinen Auspuff einem grösseren interessierten Publikum vorzuführen, dachte ich mir.

Wir fuhren also straight Richtung Süden, durch gewundene, bergige Strassen, über Hügelkuppen, enge Kurven, und schmale Wege. Die Sonne schien und wir nahmen im Flow Kurve um Kurve. Wir hießen den  Wind in unserem Gesicht willkommen und genossen das Gefühl, wie es nur Motorradfahrer nachempfinden können. Im Einklang mit der Maschine und dem Asphalt unter unseren Rädern.

Auf einmal bogen wir in einen Weg ab, der so steil und abrupt bergauf führte, dass ich mich wunderte, wie diese Strasse tatsächlich für den öffentlichen Verkehr frei gegeben sein konnte? Fast musste ich mich auf meine Fußrasten stellen um nicht nach hinten runter zu fallen. Oben angekommen wurde der Weg immer verzwickter, schlängelte sich in engen Kurven tiefer und tiefer in den Wald hinein. Und nach einigen Kilometern, gerade bevor es richtig düster wurde, kamen wir auf eine Lichtung, hinter der die Strasse  herab führte in ein kleines Areal, direkt am Hang des Berges gelegen. Mit weitem Blick ins Tal und auf die weitläufigen grünen Wiesen hinab. Ein riesiges Haus, unten gemauert, in den oberen Stockwerken Fachwerk aus Holz, erhob sich vor uns. Es war mehr eine Art Anwesen mit Garagen und Nebengebäuden als ein normales Haus.

Wir waren offensichtlich falsch. Hier führte keine Strasse weiter. Und es war zu eng um zu wenden. Wir fuhren also durch ein eisernes, offen stehendes Tor auf den geräumigen Innenhof. Vor uns thronte ein riesiger Balkon der sich über die gesamte Hausbreite erstreckte. Auf diesem stehend blickte ein düster aussehender Typ mit Lederweste und Vollbart auf uns herab. Beide Arme tätowiert mit diversen Ringen an den Fingern. Dann erst bemerkte ich das Schild auf der Front des Hauses über ihm: Biker-House 81. In den offenen Garagen standen dutzende von Harley’s nebeneinander. Einige Rocker schraubten wohl gerade an ihren Bikes, als wir dröhnend in ihr Refugium eindrangen. Im Schatten der Werkstatt bildete ich mir ein einen Typen zu sehen der gerade sein Gewehr durch lud. Alle schienen irritiert und wussten nicht so recht wer wir waren, was wir wollten, und warum zur Hölle mein Motorrad so klang wie 1000 verfeindete Harley’s der Bandidos. Oder möglicherweise glaubten sie auch, wir wären nur die Vorhut, und der Rest komme noch nach. Ich glaube, von den dutzend Leuten die in den Garagen oder auf dem Hof herumstanden, prüften mindestens 9 davon, ob ihr Messer noch am Gürtel hing. Wie auch immer. Wir wendeten und sahen zu, dass wir  schnell vom Hof herunter kamen. Mit lautem Bollern schaltete ich einen Gang runter und fuhr, gefolgt von einem Feuerschweif, den Berg hinauf von wo wir gekommen waren. Im Rückspiegel sah ich noch wie sich die belederten Kerle die Ohren zu hielten, während andere sich bereits auf den Boden geworfen hatten und die Hände über den Kopf hielten. Wir gaben Stoff und bretterten wieder in den Wald. Ich sah in den Rückspiegel. Niemand folgte uns. Waschlappen!

Wieder einmal hatte uns mein Auspuff gerettet!

Kurze Zeit später befanden wir uns wieder auf dem richtigen Weg und wahren ca zwei Stunden später am Ortseingang von Titisee. Wir hielten uns nicht lange auf. Wir hatten noch einen längeren Weg vor uns bis wir zum nächsten Hotel kommen sollten, und außerdem war ich früher bereits einmal hier gewesen. Und letztlich ging es sowieso nur darum, die anderen mit der Musik unserer Maschinen zu beglücken. Und ich glaube, an diesem Tag, als wir so an Rentnern, Frauen mit Kindern, Kranken im Rollstuhl und Urlaubern, die fröhlich auf der Seepromenade ihr  Spagetti-Eis  löffelten, vorbei fuhren, gewannen wir einige neue Freunde hinzu. Zumindest bildete ich mir das ein.

Als wir den Ortsausgang passierten, lag hinter uns die Stadt in einem grauen Dunst. Die Leute die eben noch so fröhlich die Annehmlichkeiten eines arbeitsfreien, sonnigen Tages genossen hatten, husteten, wedelten mit der Hand vor der Nase herum, und einige spuckten auf den Boden. Das Wetter kann schon verrückt sein, hier im Schwarzwald, dachte ich mir. Zumindest sah es so aus, als wäre vor uns gutes Wetter. Glück muss man haben.

Nächstes Kapitel – Kapitel 5 – „Die Schraube – Yippi Kay Yay Motherfucker“

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