Alexander und die Vögel

Hoffnung

Alexander wachte auf, als die Sonne in  sein Schlafzimmer schien und sein Gesicht wohlig wärmte. Durch das gekippte Fenster konnte er die Wiese und die anklingenden Düfte der Blumen riechen, die der morgendlich erfrischende Frühlingswind hereinwehte. Nun wurde er sich auch des Vogelgezwitschers gewahr, das unbeschwerter denn je  klang.  Es schien wohl wie eine Art Naturgesetz zu sein, dass die Vögel immer lange vor ihm wach wurden. Aus Respekt, so schien es ihm, waren sie in den ganz frühen Stunden jedoch immer ruhig und zurückhaltend  – ganz so als ob sie wüssten, dass er schliefe. Der Tag mochte noch genug Aufgaben bereit halten, aber am Morgen war bei ihnen keine Eile angebracht. Sie nutzten ihre Routine vielmehr damit,  ihr Gefieder zu putzten und der aufgehenden Sonne dabei zu zu sehen, wie sie mit ihren – erst von dunkel-orange –  dann ins gelb über gleitende – Strahlen den Tau auf der Wiese magisch  zum Leuchten brachte.

Ein friedliches Licht, dass in diesen Zeiten scheinbar nur noch von Tieren wahr genommen , ja gar wertgeschätzt werden konnte, so schien es ihm. Als  würde die Welt jeden Morgen wieder jungfräulich erwachen, ungeachtet aller Zeit, die seither verstrichen war. Ungedenk aller Dinge, die seit Bestehen der Erde geschehen waren. Als wäre jeder Morgen ein Neuanfang. Möglicherweise war es das, was die Vögel in ihre positive Stimmung versetzte – tagein, tagaus. Der Grund dafür, in dieses herrliche Konzert des Lebens einzustimmen, das nur von glücklichen Individuen wie ihnen entfacht werden konnte. War dies nicht die schönste Art des Erwachens?

“Mach das Heute immer zum Wertvollsten, was du hast. Denn das Heute kehrt niemals wieder” [Jean-Luc Picard]

SelbstBetrug

Als Alexander an diesem Morgen auf dem Bett lag, aus dem Fenster schaute, beneidete er die Vögel für diese Sicht auf die Welt. Er selbst, sah sie mittlerweile gänzlich anders.  Das Schöne konnte er schon lange nicht mehr so ungetrübt sehen. Er sah nur den Selbstbetrug, aus dem sein Leben bestand. Die Illusion die sein Leben erfüllte.

Dies war nicht immer so. Er war mit sich selbst und seiner Umgebung meist  im Reinen gewesen. Er mochte wie er war. Seiner Art zu denken. Seine Art sich auszudrücken. Ihm gefielen seine Interessen. Alle Dinge, alle Erfahrungen und alles Wissen, das er bis zu diesem Zeitpunkt gelernt und angesammelt hatte machte ihn zu dem, der er Heute war. Er war alles andere als perfekt  – aber er war mit sich im Einklang – zumindest war er das gewesen. Er mochte auch die Art, wie er mit sich und seinen Mitmenschen umging. Insbesondere seine Freunde und jene Menschen, die ihm nahe standen. Er kümmerte sich um sie. War daran interessiert, wie es ihnen ging. Freute sich, wenn er Ihnen eine Freude machen konnte. Materielles spielte dabei für ihn niemals eine Rolle. Wenn er geben konnte, dann tat er es. Er erwartete nichts zurück. Außer ehrlicher Freundschaft. Das war ihm immer am Wichtigsten gewesen.

An diesem Tag wurde ihm allerdings klar, dass seine Art und Weise , wie er sich in dieser Welt bewegte und mit anderen Menschen umging, nicht mit derjenigen  in Übereinstimmung zu bringen war, wie sie viele anderen Menschen für Richtig empfanden. Viele die ihm am Herzen lagen, sahen dies offenbar vollkommen anders. Hatten andere Grundsätze, nach denen sie lebten. Nur weil man jemand anderen betrog, musste das nicht bedeuten, dass die anderen dies genauso handhabten.

Menschen schienen ihm emotional und loyal entrückt. Sie lachten über seine Witze. Sie nahmen seine Gunst an, wann immer er sie offenbarte. Aber er als Individuum schien ihnen egal zu sein. Wenn es drauf ankam, hatte er niemanden. Vielleicht war dies auch besser so, dachte er. Wenn man niemandem vertraute, konnte man nicht enttäuscht werden. Aber andererseits – Was wäre dies für ein Leben?

Gleichgültigkeit

Denoch fühlte er sich häufig enttäuscht von den Menschen, die ihm nahestanden. Spielten Sie ihm nur etwas vor? Oder bildete er sich dies nur ein? War er nur ein Werkzeug zu deren Zeitvertreib?

Wenn er ihnen einen Gefallen tat, so dankten sie ihm.  Aber es fühlte sich an wie ein oberflächlicher Dank.

Hielt er eine Überraschung für sie bereit und erfüllte ihnen einen Wunsch, freuten Sie sich. Doch bald verschlang der Alltag ihre Freude und lies sie vergessen.

Wünschte er Ihnen einen schönen Tag, dann erwiderten Sie den Gruß. Aber es fühlte sich an wie das  alltägliche “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag” einer Supermarkt Kassiererin.  Es kam nicht von Herzen sondern war ein Automatismus.

Er wusste, dass die Menschen ihm nur etwas vorheuchelten. Man konnte es sehen wie man wollte. Wäre er milde gestimmt, er hätte es als schlichtes Desinteresse an seiner Existenz gesehen. Aber es war mehr als das. Es war die Gleichgültigkeit gegenüber seinem Sein.

Schlimmer, als fehlendes Interesse, ist heuchlerisches, vorgespieltes Interesse!

Vertrauen

Unterschwellig hatte er es immer gefühlt. War möglicherweise deshalb schleichend zum Zyniker geworden. In all den Jahren betrogen sie nicht ihn, vielmehr betrog er sich selbst. Er hatte das Verrauen in die anderen nicht verloren. Nein. Er hatte es wahrscheinlich niemals gehabt.  Vertrauen musste sich verdient werden. Und was verdient war, konnte man schnell verlieren. Eine Lüge  beispielsweise, reicht aus, um das Fundament abzureißen auf dem ein Tempel, eine Beziehung oder eine Freundschaft gebaut ist. Es braucht nicht viel, um das Bild, das man von einem Menschen hat, ins Gegenteil zu verkehren, wenn sich dessen unwahrer Charakter zeigt.

Dabei erwartete er nicht viel: Offenheit und Wahrheit waren die Grundfesten auf denen jegliche soziale Interaktion aufgebaut sein sollte. Doch ihm kam es so vor, als würde er angelogen.  Jeden Tag auf andere Weise. Manchmal indirekt, indem man ihm einfach Dinge nicht sagte oder sie in einen anderen Kontext bettete. Manchmal direkt, indem sie ihm schlichtweg ins Gesicht logen. Und nichts hasste er mehr, als Lügen.

“Der Richtige Zeitpunkt, um einem Menschen den Rücken zuzukehren ist der, wenn man ihm in die Augen sieht und nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann”

Er fragte sich, ob es vielleicht seine Art war, die dieses Verhalten herausforderte? Machte er etwas falsch? Warum lies er all dies mit sich machen? Wenn man im Supermarkt einen Vanillepudding kaufte, der nicht schmeckte, dann war die logische Konsequenz, dass man ihn nicht mehr kaufte, oder? Man wechselte zu einem anderen Produkt.  Kaufte einen anderen Vanillepudding in der Hoffnung, dass dieser besser sei.

Warum tat er das mit den Menschen nicht genauso, die ihm nicht schmeckten? Alexander wusste es nicht. Vielleicht, dachte er auch, sei es immer noch besser , etwas zu essen das einem nicht schmeckte, als zu verhungern. Aber genau konnte er das nicht sagen.

Vertrauen muss verdient sein- Es wird nicht geschenkt

Vergebung

Niemand ist perfekt. Jeder Mensch, der einen Fehler macht, kann ihn korrigieren. Menschen haben vielfach Gründe für ihr Verhalten. Möglicherweise hat jemand keine Zeit, weil er in seinem Lebensabschnitt andere Prioritäten hat? Prioritäten lassen sich irgendwann ändern.

Womöglich lügt jemand, weil er Angst hat, sich der Wahrheit zu stellen. Doch Offenheit kann befreiend sein. Eine Entschuldigung kann Dinge verzeihen lassen. Alexanders Meinung nach zeugte es von Charakter, Fehler zuzugeben. Doch welcher Mensch hatte heute noch Charakter? Es ist einfacher eine Lüge aufrecht zu erhalten in der Hoffnung, dass sie niemals ans Tageslicht kommt, als die Offenbarung.

Er würde eine Veränderung brauchen, das war ihm klar. Würde vieles hinter sich lassen müssen. Sich neue Freunde suchen müssen. Würde seine Gönnerhaftigkeit begraben müssen. Seine emotionale Bindung. Sein Gerechtigkeitsgefühl.  Ab Heute, sagte er sich,  würde er vieles anders machen. Von Heute an, könnten ihm all Jene ohne Rückgrat, die auf ihrem Verhalten bestehen sollten und ihn ausnutzten oder anlogen,  gestohlen bleiben. Ab Heute, würde er sich einen Teufel um sie scheren. Er würde sie an seiner Statt benutzen. Wie ein Werkzeug. Ganz so wie er es brauchte.  So wie sie das zuvor mit ihm taten. Sein “weg sein” würden sie ohnehin nicht bemerken.

“Manchmal hasst man denjenigen Menschen am Stärksten, den man am Meisten liebt – Denn er ist derjenige, der einem am Meisten weh tun kann”

Leben

Alexander wusste nun, was die Vögel glücklich machte – Tagein – Tagaus. Sie hatten von oben einfach einen anderen Blick auf die Welt. Sahen die Welt und die Natur mit allen Lebewesen darin mit anderen Augen. Aus einer anderen Distanz. Ihnen lag es fern, einander auszunutzen und zu betrügen, weil es schlicht nicht in Ihrer Natur lag.

Genau sowenig handelten sie eigennützig, weil Egoismus nicht Teil ihres Seins war. Sie gliederten sich vielmehr in eine Gemeinschaft ein, die dadurch verbunden war, dass sie rein zufällig für einen kurzen Augenblick in der Geschichte dieser Erde das Privileg hatten, zu leben und diese Zeit zusammen verbringen zu dürfen – und warum sollten Sie sich nicht gegenseitig glücklich machen? Mit offenem Herzen. Das war es, was Menschen von den Vögeln unterschied. Sie wusste das Leben nicht zu schätzen.

Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich […] sind wir alle nur sterblich. [Jean-Luc Picard]

Heute fühlte sich Alexander  wie ein Elefant auf einem dünnen Ast. Er sah die Welt endlich von oben. Frei und aus einer anderen Perspektive – doch wie lange würde dieses Gefühl bestehen bei dem emotionalen Ballast, den er mit herum schleppte?

Er hörte den Vögeln noch eine Weile zu, ging in die Küche und machte sich einen Kaffee….

 

“Nicht die Wahrheit tut weh, sondern die Lügen davor”