Kapitel 1 – „Der alte Kauz“
Wenn ich mein Motorrad anlasse, dann muss es so klingen als wäre Zeus höchstpersönlich mit seinem Höllenhund Zerberus auf die Erde gekommen, um allen Ungläubigen die nicht an den wahren Donner des Zweizylinder Sounds glauben, mit einen Blitz die rosarote Rosette zu rösten. Es muss so klingen, dass am Ende, nachdem man durch eine kleine idyllische Ortschaft mit netten Menschen gefahren ist, nur noch hasserfüllte, vor Wut rot angelaufene Gesichter zurück bleiben und mir mit erhobener Faust hinterher winken und Frauen ihre Kinder vorsichtshalber in den Keller stecken, „Weil scheinbar der Russe wieder zurück gekehrt sei“.
Der nette, alte Herr an der Tankstelle, an der wir halt machten um vor unserem Roadtrip nach Frankreich nochmal so richtig vollzutanken, war offensichtlich anderer Meinung. Er war, wie es mir schien, keiner von der Sorte, die von einem dumpfen Bollern eine Gänsehaut auf der Eichel bekommt. Naja, niemand ist perfekt, nicht wahr. Ich schätze er muss um die 89 Jahre alt gewesen sein. Er stand einige Meter weiter an einer anderen Zapfsäule und hatte gerade seinen kleinen Citroen 1.2 l vollgetankt und bezahlt, als ich meine Maschine an lies. Er drehte sich wohl etwas erschrocken um die eigene Achse, sicher weil sein Herzschrittmacher kurzzeitig aussetzte und er nach dem Ursprung der Schockwelle suchte. Er drehte sich in meine Richtung und blickte mich für ein paar Sekunden an. Als er sich dann sicher war, dass das Geräusch, das auch hätte von einer V2 Rakete stammen können, an die er sich aus seinen Kindheitstagen noch träumerisch erinnern konnte, von mir kam, überlegte er wohl kurz, ob er dem tätowierten Typen dort was sagen sollte, der da grimmig mit dunkler Sonnenbrille an seinem Navigationsgerät rumfummelte und laut hin Flüche ausstieß, weil die Dinger, entgegen der Herstellerangaben, auf keinen Fall daraufhin optimiert wurden, mit Handschuhen bedient zu werden. Etwas in der Art wie „Entschuldigen Sie Mister, aber finden Sie nicht dass ihr Motorrad nicht ein klein wenig laut ist?“ oder „Entschuldigung, aber ich denke Ihnen ist gerade ihr Auspuff abgefallen“ oder „Mir ist gerade mein Kaffeebecher vom Dach meines Autos herunter vibriert worden. Ist Ihr Auspuff überhaupt zugelassen?“
Aber er entschied sich dann doch wortlos für den Weiter-Bezug seiner Rente, schüttelte seinen Kopf mehrere Male, um nochmals seiner Entrüstung und dem Nichtgefallen dieser, wie er glaubte, Störung der zivilen Ruhe und Ordnung, Nachdruck zu verleihen, stieg in sein Auto und fuhr davon.
Ich bin natürlich in Wirklichkeit ein gänzlich umgänglicher Zeitgenosse. Freunde können das sicher bestätigen. Und ich konnte es kurze Zeit später wieder unter Beweis stellen. Nach dem Tanken fuhren wir auf der Hauptstraße Richtung Autobahnzufahrt, als wir den netten alten Herren zufällig wieder einholten. Natürlich hatte ich ein etwas schlechtes Gewissen und streckte meine Faust aus, die er ebenfalls mit seiner Faust checken sollte, sozusagen als Geste der Wiedergutmachung, und Ausdruck dafür, dass ich seine anders geartete Meinung zwar nicht verstehen aber doch zumindest akzeptieren könne. Irgendwie hatte er ab da an einen nervösen Blick, vielleicht auch, weil er mich bereits wieder vergessen hatte und es ihm nun wieder einfiel. Schweiß perlte auf seiner Stirn und er sah nur stur gerade aus und hielt sich verbissen an seinem Lenkrad fest, über das er nur mühsam hinweg blicken konnte.
Plötzlich bog er mit qualmenden Reifen abrupt in eine Seitenstraße ein, und dann wieder in eine andere. Ganz so, als wollte er jemanden abhängen. Ich sah in den Rücksiegel, aber außer uns beiden war sonst niemand auf der Strasse. Komischer alter Kauz. Er sagte irgendetwas, zumindest ging ich davon aufgrund seiner Lippenbewegung aus, bevor er abbog, doch ich konnte ihn leider nicht verstehen. Das Bollern meines Auspuffs übertönte es etwas. Aber sicher wünschte er mir einen schönen Tag. Ich freute mich, wieder einmal eine nette Bekanntschaft gemacht zu haben und fuhr mit einem zufriedenen Lächeln weiter. Ist es nicht schön, Menschen kennen zu lernen? Motorrad fahren verbindet einfach. Ich winkte ihm nochmal hinterher, als ich einen Gang hoch schaltete, gefolgt von einem Knall und einem kleinen Feuerschweif aus dem Auspuff und fuhr mit meinem Tour-Kollegen Peter (Namen wurden zwecks Anonymität abgewandelt; Sämtliche Ähnlichkeiten mit bekannten Personen sind rein zufällig) auf die Autobahn Richtung Heidelberg auf. Unser erstes Ziel auf unserem Weg durch den Schwarzwald in die französischen Vogesen.
Weiter -> Kapitel 2 – „Hundescheisse“
